TVR T350C – ein Fahrbericht

350 PS auf der Hinterachse, kein ESP, kein ABS. Das Ganze 1190 Kilo leicht und zur Beruhigung ein optionaler Überrollkäfig – der TVR T350C ist ein Auto für harte Jungs. Trocken sollte es allerdings schon sein!

Es war einmal ein Block aus Schaumstoff

Man kann es kaum glauben. Da saß der Chef des damals drittgrößten unabhängigen Automobilherstellers Großbritanniens vor einem Block Schaumstoff und schabt und kratzt so lange mit Raspel und Säge daran herum, bis der Rohling aussieht wie ein Sportwagen. Wenn er schließlich mit dem Entwurf zufrieden war, dann gab er trocken bekannt: „Den bauen wir jetzt.“ So wird es gemacht, und besonders stolz macht es den Boss, dass für die Produktion seiner Autos weit mehr Stunden benötigt werden als bei jedem anderen Hersteller. Verrückt? Lächerlich? Nein, der normale Entscheidungsprozess bei TVR.

Kein Grund zum Lachen. Eher einer zum Bewundern. Der Mann hieß Peter Wheeler. Er war damals Chef von TVR – in der Tat der drittgrößte Autobauer Englands, nach MG und dem Taxi-Hersteller LTI. Wheeler mutierte 1984 vom TVR-Fan zum TVR-Chef. Er war Ingenieur und Designer und liebte nichts mehr, als alle möglichen Dinge zu entwickeln und zu bauen. In Deutschland würde man ihn einen Tüftler nennen.

So kam es, dass TVR trotz einer Jahresproduktion von nur etwa 900 Fahrzeugen alles selbst herstellte: Gitterrohrrahmen, Karosserien, Motoren, Cockpits, Instrumente. Diese totale Unabhängigkeit erlaubte die ursprünglichsten, wildesten und männlichsten Teile. Jeder TVR war ein Hardcore-Sportwagen.

3,6-Liter-Triebwerk mit 350 PS

Und auch beim 2003 vorgestellten Modell T350 hatte sich Wheeler mal wieder so richtig ausgetobt. Basis war der TVR Tamora. Lange Schnauze, weit nach hinten gezogenes Passagierabteil, knapp geschnittenes und brachiales Heck – so lieben es nicht nur die Briten. Unter der Haube vorn tobt der überarbeitete Reihensechszylinder, der im Cerbera 1999 debütierte. Jetzt leistet der 3,6-Liter als Basis im T350C 350 PS, aber das sollte so nicht bleiben – Wheelers Spieltrieb brachte fast monatlich neue Versionen hervor. So wurde auch ein Targa (T350T) mit abnehmbaren Dachhälften angeboten.

So hatte er kurz nach dem Erscheinen des neuen Sportlers ein „Performance Package“ ins Angebot genommen, die „S“-Variante: Motor mit 375 PS, um 60 Kilo leichtere Lightweight-Karosserie, größere Bremsen, Renn-Kats, anderer Auspuff, geändertes Fahrwerk und 18- statt 16-Zoll-Räder. Kosten für das Power-Paket: 10.000 Euro Aufschlag auf den Grundpreis von damals 62.500 Euro.

Unter uns: Es ist ziemlich egal, ob dieser Motor ein paar PS mehr oder weniger hat. Dank Glasfaser-verstärkter Kunststoffkarosserie und viel Aluminium wiegt das Auto gerade mal 1190 Kilo, der Sechszylinder hat leichtes Spiel. Der Tritt aufs Gaspedal hat einen so vehementen Vortrieb zur Folge, dass man gerne noch etwas tiefer in die Schalensitze rutscht und dankbar ist für den optionalen Käfig, der die Insassen schützt. Typisch Wheeler: Lieber sichtbare Rohre als unsichtbare Airbags.

Der erste Eindruck

Ab 5000 Umdrehungen geht es richtig vorwärts. Für den Bedarfsfall ist gut zu wissen, dass die Bremsen genauso brachial verzögern, wie der Motor beschleunigt. Das Fahrwerk ist knüppelhart, der Schaltknauf auf dem mächtigen Mitteltunnel ungewöhnlich hoch platziert. Während die Lenkung dank Servo-Unterstützung fast spielerisch direkt funktioniert, will die Schaltung mit Nachdruck bedient werden – ein metallischer und höchst befriedigender Vorgang.

Den Begriff „stehende Pedale“ hatte Wheeler wörtlich genommen, die steile Fußstellung ist gewöhnungsbedürftig. Je nach Fahrstil reagiert der T350C von gallig bis giftig, zu schnelles Lösen des Fußes vom Kupplungspedal quittiert das Auto mit plötzlich ausbrechendem Heck. Kurz: Der T350C ist ein Tier – das werten alle Mitarbeiter im Werk in der Bristol Avenue, Blackpool und der Chef als glasklares und gern gehörtes Kompliment für ihre Arbeit.

Aber nicht nur für fulminantes Auftreten ist TVR bekannt, sondern auch für ungewöhnliche Detaillösungen. Das beginnt beim Einstieg: Knöpfe zum Türöffnen findet der geneigte Sucher unter den Außenspiegeln. Das ist nicht nur witzig, sondern erspart auch komplizierte und teure Konstruktionen in den Türen. Ebenso skurril die Tankklappen-Öffnung: Im Kofferraum links sitzt ein fein gefräster Hebel. Wer ihn betätigt, dreht dabei den Tankverschluss zur Seite. Ein Hingucker natürlich die durchlöcherten Heckklappenscharniere, deren edle Wirkung leider durch englisch anmutende Kabelverlegung für die Heckscheibenheizung getrübt wird.

Typisch TVR: das eigenwillige Innendesign

Voller Ideenreichtum auch die Anordnung der Lichter und Scheinwerfer. Erstens hatte sich Wheeler am Heck der Bumerang-Form bemächtigt, die Maserati zum Leidwesen aller 3200-GT-Fans aus Kostengründen ad acta gelegt hat und zweitens verbaute der britische Schelm immer die gleichen Hella-Leuchten vorn und hinten, dank ständig wechselndem Design allerdings jedes Mal geschickt als völlige Neuheit getarnt. Das war ebenso legitim wie genial.

Die volle Pracht Wheeler‘scher Schaffenskraft setzte sich im Innenraum fort. Dort dominieren vorrangig zweifarbiges Kunstleder (Vollausstattung in Echtleder gegen Aufpreis), Alcantara und blankes Alu. Wo Nähte nötig waren, hatten die TVR-Handarbeiter sie extra sichtbar ins Blickfeld gerückt – um die Manufaktur im ursprünglichen Sinne zu betonen. Cockpit und Schalter wurden einzeln angefertigt und aus keiner Massenproduktion, ebenso der ungewöhnliche Tacho. Dort sind nur wenige Zahlen zu erkennen: angefangen bei der vier, in Viererschritten bis zur 32. Diese steht für 320 km/h – die schafft der T350C zwar nicht ganz, kommt aber nah dran. Eine Umschaltung auf Meilen ist möglich, eine digitale Anzeige ebenfalls, und als Bonbon kann der Fahrer die Lautstärke des Blinker-Piepens individuell einstellen.

Puristen fragten deshalb schon ängstlich, ob TVR nicht im Begriff ist, zu soft zu werden. Und sie befürchteten in absehbarer Zukunft sogar die Einführung von Cupholdern – nur weil es eine zuziehbare Gepäckraumabdeckung gab. Aber wahrscheinlich ist auch der härteste Bleifuß zufriedener, wenn ihm beim Bremsen nicht ständig irgendwelche Utensilien von hinten ins Genick fliegen.

Technische Daten im Überblick

Bei aller Sympathie: Alltagstauglich ist der TVR T350C nicht. Zwar ist die Maschine angeblich vollgasfest (Vorsicht: TVR kann auslesen, ob der Wagen immer korrekt warmgefahren wurde!), aber das imposante Gebrüll aus dem Auspuff wird pedantische deutsche Ordnungshüter ständig zum Überprüfen der Lärmvorschriften bewegen. Bekannt ist auch, dass nach recht kurzer Zeit grundsätzlich der Tacho ausfällt, weil der Sensor offen an der Hinterachse hängt. Und: Im Sommer sollte immer mit Handschuhen gefahren werden, weil alle Alu-Teile auf dem Mitteltunnel – besonders der Schaltknauf – hundsgemein heiß werden. Im Winter ist das Auto sowieso unfahrbar, weil Wheeler von Traktionskontrolle und ABS ungefähr so viel hielt wie die Queen von Punkmusik – nämlich gar nichts.

Technische Daten:
Motor: TVR Speed Six, 3605 ccm
Leistung: 350 PS (bei 7250/min)
Drehmoment: 391 Nm (bei 5500/min)
Gewicht: 1190 KG
0-100 km/h: 4,4 s
Vmax: 304 km/h
Produktionszeit: 2003 bis 2006
Stückzahl: 1015

Text: autobild.de
Bilder: cheshiresportclassics.co.uk

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