TVR Tamora – ein Fahrbericht

Bis 2006 gab es im Norden Englands noch einen Hersteller der seine Autos nach alter V√§ter Sitte baute und dessen Name so einfach war wie seine Produkte: TVR. Auf einem simplen Leiterrahmen basierend, mit einem m√∂glichsten starken Motor vorne, Antrieb hinten, Sitze, Lenkrad, Getriebe und oftmals merkw√ľrdig gezeichnetes Plastik als Verkleidung. Auf alles √úberfl√ľssige wurde stets verzichtet. Selbst die T√ľrgriffe wurden irgendwann gestrichen, dem Gewicht zuliebe nat√ľrlich.
Trotz all der Bem√ľhungen um maximale Performance musste das Werk in Blackpool vor nicht¬†allzu langer Zeit seine Pforten schlie√üen. Nach der √úbernahme durch einen russischen Million√§rssohn ging es mit dem Unternehmen dramatisch bergab. Zuvor wurde die Firma √ľber 20 Jahre von einem britischen Chemieingenieur geleitet, der den Autos auch unverkennbar seinen Stempel aufdr√ľckte: Peter Wheeler.

Ungewöhnliche Optik

Da steht er in einem gl√§nzenden Metallicblau und grinst h√§misch in den verregneten Londoner Alltagsverkehr. Unschuldig blickt er drein, die Front tr√§gt fast feminine Z√ľge. Von der Seite f√§llt die √ľberlange Haube mit ihren gewaltigen √Ėffnungen ins Auge. Extrovertierte Proportionen finden sich auch am Heck. Winzige, insektenartige Heckleuchten paaren sich mit einer martialischen Auspuffanlage und einem √ľberdimensionalen Brett nur wenige Zentimeter √ľber dem Boden.

„Safety instructions“

Vor dem Start empfiehlt sich ein Blick auf die vorliegenden ‚Äěsafety instructions‚Äú. Da steht jede Menge √ľber Warmlaufphasen, √úberhitzungsgefahr und dem richtigen Umgang mit dem Gas bei N√§sse. Aber muss man das als erfahrener Pilot wirklich noch lesen? Nein, denkt der motoraffine Enthusiast, schwingt sich auf den extrem weit rechts an der T√ľr platzierten Fahrersitz, l√∂st die Leinen der Wegfahrsperre, wirft den Reihensechser mittels Schl√ľsseldreh ins Leben und‚Ķ‚Ķ‚Ķ‚Ķw√ľrgt ihn auch sogleich wieder ab.

Falsches Revier: Stop and Go

Nun gut, dann noch einmal. Angewidert von den dilettantischen Versuchen des Piloten scheint sich der 3.6er erst recht in seinem Aluminiumblock zu sch√ľtteln. Nerv√∂s zappelt der Drehzahlmesser auf und ab, der geringste Gassto√ü l√§sst den Motor aufheulen wie ein Raubtier dem man das Futter klauen will. Nur langsam gleitet das Kupplungspedal nach unten und der Tamora schie√üt nach vorne wie von der Tarantel gestochen. Schnell wird klar: F√ľr den Stop and Go Verkehr in einer millionenschweren Metropole ist der TVR nicht geschaffen.

Ungewöhnliche Manieren

In der Tat erwacht das Monster erst auf offener Stra√üe so richtig zum Leben. Dann l√§sst er seinem Piloten auch die Chance sich zu akklimatisieren. Nichts in einem TVR ist so wie man es in einem normalen Autofahrergehirn abgespeichert hat. Der Motor rotzt, pl√§rrt, dr√∂hnt und knallt. Das Gaspedal scheint einen schier endlosen Weg zu haben und l√§sst sich nur grob dosieren. Die st√∂√üige, immerhin servounterst√ľtzte Lenkung gibt sich um die Mittellage z√∂gerlich, vollzieht dann aber Richtungs√§nderungen beinahe √ľbermotiviert, wohl um dem Fahrer die Chance zu geben ein eventuell ausbrechendes Heck wieder einfangen zu k√∂nnen.

Weiches Chassis

Die Bremse ohne ABS weckt auch kein wirkliches Vertrauen und √ľberhaupt scheint es an jeder Ecke zu scheppern und zu krachen. Der Tamora findet Bodenwellen wo es eigentlich keine gibt. Da traut man sich kaum den Briten von der Leine zu lassen. Zu gro√ü ist die Furcht vor einer pl√∂tzlich abrei√üenden Traktion. Es kommt einem tats√§chlich vor wie der Ritt auf der Kanonenkugel und zugleich wie ein unfreiwilliges Loblied auf die Verwindungssteifigkeit moderner selbsttragender Chassis. Wer soll mit diesem altert√ľmlichen anmutendem Gef√§hrt tats√§chlich den theoretischen Topspeed von 280 km/h ausloten wollen?

Reinrassiger Rennmotor

Aber wir wollten es ja nicht anders. Wir w√ľnschten uns das Urspr√ľngliche, Echte, Harte, Unbequeme. Jetzt haben wir also den Salat, bzw. das Fleisch. Wie soll man es kochen, damit es doch noch schmeckt? Man muss sich anfreunden mit den Unzul√§nglichkeiten, sie hinnehmen wie sie sind, auf sein fahrerisches K√∂nnen vertrauen und kontrolliert Gas geben. Dann kann man sich auf etwas gefasst machen. Es ist keine unmittelbare Explosion die der TVR bereith√§lt. So ganz ohne Schaltsaugrohr und variable Nockenwelle mutet der Antritt fast etwas verhalten an. Erst √ľber 4500 U/min bricht der Sturm los, dann allerdings tats√§chlich mit jener Gewalt, wie es die vielen Legenden und Mythen √ľber TVRs immer erz√§hlt haben.

Von 0 auf 100 Meilen in 9 Sekunden

In Sachen Beschleunigung gibt es f√ľr den Tamora nur wenige Gegner aber viele Opfer. Begleitet von einem ohrerweichenden lauten R√∂hren, welches Kenner an die offene Airbox im M3 CSl erinnert, schmettert der 350PS starke Hubkolbenmotor sich selbst und seine Passagiere immer wieder in Richtung seines Drehzahllimits von 8000 U/min. Mit Freude zeigt der trockensumpfe ‚ÄěSpeed Six‚Äú dabei, da√ü er ein Rennmotor reinsten Wassers ist, mit betont spitzer Leistungsentfaltung und entfesseltem Drehwillen. Leistung und Gewicht ist eben doch alles und wenn so viele Pferde auf nur etwas mehr als 1100kg treffen, dann brennt der Asphalt.

Ungefilterter Fahrspaß

Der Fahrer darf sich dabei tats√§chlich als Mann f√ľhlen, wenn er mit der blauen Flunder offen durch kalte, beengte, feuchte englische Stra√üen donnert. TVR fahren sch√§rft die Sinne. Man liest die Stra√üe wie der Golfer das Gr√ľn. War das ein Stra√üenloch oder ist die Spurstange gebrochen? Liegt dort etwas Laub auf der Strecke? Ist der Belag jetzt wirklich trocken? Allein das satte Einrasten des Aluminiumschaltknaufs wirkt inmitten des modernen automobilen Umfelds wie eine Befreiung. Wer braucht schon Doppelkupplung oder synthetisches Zwischengas? Fahrspa√ü kann so einfach sein.

Erlebnis TVR

Am Ende des Tages stellt man das wilde Tier mit einer geh√∂rigen Portion Erleichterung und Stolz ab. Der Pilot repetiert die vielen Beschleunigungsorgien noch einmal im Kopfkino, der pr√§gnante Schrei der Auspuffanlage l√§sst einem immer noch das Blut aus dem Ohren tropfen. Ok, ganz so dramatisch ist es nicht. Trotzdem wirkt die Fahrt noch ungew√∂hnlich lange nach. Herrlich l√§sst sich √ľber das Erlebnis TVR bei einem k√ľhlen Ale philosophieren. Besonders h√§ufig fallen dabei Worte wie ‚ÄěWahnsinn‚Äú, ‚Äěbrutal‚Äú oder ‚Äěunfassbar‚Äú.

Größtes Manko: Qualität

Fast nicht zu glauben ist aber auch die Verarbeitungsqualit√§t des Briten die uns am n√§chsten Tag sofort wieder aus unseren Tr√§umen rei√üt. Das Verdeck des Tamora im Kofferraum zu verstauen erfordert System und Geduld. Die Gummis an den Fensterscheiben stehen ab, das Licht funktioniert nur wenn es Lust dazu hat und bei dem vielen Plastik ist der Lack auch schon ordentlich ab. Selbst das Kennzeichen am Heck h√§ngt nur noch m√ľde herunter, kein Wunder wenn es direkt an der vibrationsfreudigen Abgasanlage montiert ist.

Fazit: Nur f√ľr waschechte Fans

Genau deshalb konnte es auch einfach nicht funktionieren. Wer h√§tte seinerzeit f√ľr dieses Gef√§hrt tats√§chlich so viel zahlen sollen wie f√ľr einen Porsche Boxster S? F√ľr ein Auto, das schlechter verarbeitet ist als jeder Dacia und nicht viel mehr Alltagsnutzen als ein Motorrad hat. Das so gut wie keinen Sicherheitsstandard bietet. Von einer Firma ohne kontinentales H√§ndlernetz, ohne Reputation, ohne Image. Wer h√§tte sich das angetan? Jemand der glaubt, dass Autos mehr sind als reine Fortbewegungsmittel. Der einen Sportwagen nicht als Luxus- sondern als Liebhaberobjekt betrachtet. M√§nner und Frauen mit Benzin im Blut, aber auch mit einer geh√∂rigen Portion Mut zum Risiko. So wie Mr. Wheeler eben.

Technische Daten:
Motor: TVR Speed Six, 3605 ccm
Leistung: 350 PS (bei 7250/min)
Drehmoment: 391 Nm (bei 5500/min)
Gewicht: 1100 KG
0-100 km/h: 4,4 s
Vmax: 280 km/h
Produktionszeit: 2002 bis 2006
St√ľckzahl: 578

Text: Martin Englmeier
Bilder: autos-pur.de

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