Zwischengas 03/2013 TVR 3000S – traditionsbewusster Roadster fĂĽr Nonkomformisten

Ende der Siebzigerjahre einen waschechten Roadster – mit Steckscheiben, Schiebefenstern und mĂĽhsam zu montierendem Dach, das im Auto keinen Platz fand – auf den Markt zu bringen, dies erforderte Mut, Unverfrorenheit oder beides zusammen. Marketing-Strategen hätten wohl abgeraten, aber solche beschäftigte Martin Lilley bei TVR nicht und so stellte er den TVR 3000 S als letztes Modell der M-Baureihe vor – betörend offen und rustikal.

TVR 3000S (1978) – die ganze Haube vorne klappt auf ©Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Start kurz nach dem Krieg
1947 gründete Trevor Wilkinson die Firma “Trevcar Motors” um Sportwagen zu bauen. Der Name wechselte schon bald auf TVR, eine Abwandlung von Wilkinsons Vorname “TreVoR”. Stahlrahmen-Chassis und Polyesterkarosserien waren der gemeinsame Nenner der meisten TVR-Fahrzeuge.
Während anfangs auch einige wenige offene Sportwagen gebaut wurden, konzentrierte man sich bald auf Coupés. Die Modelle Grantura und Vixen konnten in vergleichsweise großen Stückzahlen verkauft werden und sie waren üblicherweise mit Vierzylindermotoren von MG, Ford oder Coventry Climax ausgerüstet. Die mit amerikanischen V8-Motoren angetriebenen Modelle Griffith und Tuscan erfüllten auch höchste Leistungswünsche.

Der Vorbote Tuscan LWB/WB
Im Jahr 1970 lancierte TVR eine breite und längere Version des Tuscan-V8-Modells. Sie wurden “Wide Body” (breite Karosserie) genannt und sie zeigten ein wesentlich geglättetes Design, das zwar immer noch traditionell aussah, aber doch insgesamt wesentlich moderner wirkte. Gerade einmal eine Handvoll dieser Fahrzeuge wurden gebaut, das Design aber legte die Grundlage für die M-Baureihe.

TVR Tuscan V8 (1971) – mit langem Radstand und weiter Spur, daher LWB Wide Body ©Archiv Automobil Revue

Die M-Baureihe
An der London Motorshow im Oktober 1971 sorgten nicht nur zwei nackte Mädchen auf dem TVR-Stand für Aufsehen, sondern auch das brandneue Modell 2500M.
Optisch dem Tuscan V8 Wide Body ähnlich, verbarg sich unter der hübschen Kunststoffkarosserie auch ein neues Chassis, das sowohl den neuesten Sicherheitsregulierungen entsprach wie auch die Voraussetzungen barg, kostengünstig produziert werden zu können. Vier Einzelradaufhängungen (teilweise mit Triumph-Teilen) und eine gemischte Bremsanlage mit Scheiben vorne und Trommeln hinten folgten dem damaligen Standard.

TVR 3000M (1974) – das M-Modell mit Vinyldach und Zusatzausstattung ©Archiv Automobil Revue

Erfolgreiche und weniger erfolgreiche Modellvarianten
Während der 2500M von einem Triumph-Sechszylinder angetrieben wurde und vor allem in den Vereinigten Staaten gefragt war, konnten europäische Sportwagenkäufer schon bald den Ford-Capri-Motor im 3000M (Essex) bestellen. Zudem gab es eine Variante mit 1,6-Liter-Ford-Kent-Motor, welche aber eher ein Nischendasein fristeten.

TVR Taimar (1977) – zwar öffnete die Klappe praktisch nach oben, aber viel Platz war im Kofferraum trotzdem nicht ©Archiv Automobil Revue

Bis 1976 gab es nur eine Karosserieausführung, bei der der Kofferraum, wenn man von einem solchen sprechen will, nur von innen zugänglich war. Doch TVR konnte den Komfortansprüchen der Kundschaft nicht ewig trotzen und bot schließlich auch eine Variante mit Heckklappe an, die Taimar genannt wurde. Und 1978 kam dann die Öffnung nach oben.

Endlich wieder ein offener TVR
Bereits im Jahr 1975 war im TVR-Werk ein M-Serie-Special ohne Dach, mit kleinen Rennscheiben vorne und ohne Wetterschutz als EinzelstĂĽck entstanden. Aufgebaut worden war er auf der Basis eines geschlossenen Werksdemonstrator, mit dem der Firmenchef bei einer Probefahrt verunfallt war. Martin Lilley, der Besitzer von TVR zu jener Zeit, fuhr den Wagen neu aufgebauten Wagen dann auch einige Monate. Obschon vielversprechend, sollte es aber noch weitere drei Jahre dauern, bis Kunden den ersten offenen TVR seit 1956 kaufen konnten.
Vorgestellt wurde der nun 3000 S genannte Sportwagen dann im Mai 1978 und, obschon der Wagen eigentlich ein traditioneller Roadster mit Steckscheiben war, zog man es bei TVR vor, ihn “Convertible” (also Cabriolet) zu nennen.

TVR 3000S (1978) – auf dem TVR-Stand an der Motor Show in Birmingham ©Archiv Automobil Revue

Die nötigen Umbauarbeiten, um das Coupé zum offenen Sportwagen zu konvertieren, waren bedeutend umfangreicher gewesen, als man es hätte vermuten können. Eine neue flachere Frontscheibe wurde benötigt und sie saß in einem massiven Rahmen, um die Überschlagsicherheit zu vergrößern.
Zudem musste das Armaturenbrett wegen des verringerten Platzes völlig neu ausgerichtet werden, was damit endete, dass die Hauptinstrumente paritätisch auf Fahrer und Beifahrer verteilt wurden. Und als erstes TVR-Modell überhaupt verfügte der 3000 S über einen normalen Kofferraumdeckel, auf den allerdings die ersten fünf produzierten Exemplare noch verzichten mussten.

Von der Presse geschätzt
Der 3000 S passte mit seiner rustikalen Roadster-Bauweise nicht so recht in die späten Siebzigerjahre, in denen offene Fahrzeuge vom Aussterben bedroht waren und die Komfortansprüche der Autokäufer stetig stiegen. Nichtsdestotrotz aber war das Echo aus der Fachpresse durchwegs positiv.

“Heute, im Zeitalter der uniformen Massenautos, zählt ein Roadster zu den Exoten, man spĂĽrt die Handarbeit, den Hauch von Nostalgie”, schrieb die Zeitschrift “Rallye Racing” 1979 nach einer ausfĂĽhrlichen Probefahrt. 201 km/h Spitze und 8,5 Sekunden fĂĽr den Spurt von 0 auf 100 km/h wurden notiert und “selbst im zweiten Gang scheint der Wagen einem unter dem Hintern davonziehen zu wollen …” fabuliert.

Auch die Schweizer Kollegen vom Monatsmagazin “Auto Illustrierte” waren begeistert. “Nach 5000 problemlosen Kilometern kann gesagt werden, dass der TVR ein Produkt ist, das viel Freude macht. Die einzige Schwäche liegt in der teilweise nicht zufriedenstellenden Wasserdichtheit. Aber eben – auch dies ist ein Beweis der Exklusivität”.
Dass der im Bericht abgebildete Wagen dann auch noch gleich das Fahrzeug ist, das für diesen Bericht portraitiert wurde, ist in diesem Zusammenhang natürlich auch noch erwähnenswert.

Auch mit 230 Turbo-PS
Neben der normalen 3-Liter-Ausführung verließen 13 Fahrzeuge das Werk mit einer umfangreichen Motormodifikation, die den Wagen leitungsmäßig in eine andere Liga katapultierte. 6,3 Sekunden benötigte der um rund 90 PS erstarkte Roadster für den Spurt von 0 auf 96 km/h, 100 Meilen (169 km/h) waren bereits nach 15,1 Sekunden erreicht, was den TVR zum vermutlich schnellsten Cabriolet jener Zeit machte. Dies war dank der von Broadspeed entwickelten Turboanlage möglich, die den Wagen allerdings um einen Drittel verteuerte.

Eigene Nachahmerprodukte
Schon nach 258 Exemplaren war Schluss, denn mit dem Auslaufen der M-Serie Ende 1979 fiel auch der Roadster dem Nachfolger Tasmin zum Opfer. Dieser eckig und keilförmig geformte Sportwagen, den es auch wiederum in einer offenen Version gab, erfüllte aber nicht alle Bedürfnisse der Kundschaft, so dass in den Achtzigerjahren eine modernisierte Variante des 3000 S neu aufgelegt wurde. Im Gegensatz zum Vorgänger hatte die neue Variante aber keine Steckscheiben mehr und verfügte natürlich über die dann aktuellen Motoren.

TVR S (1986) – nach dem keilförmigen Tasmin erinnerte man sich bei TVR wieder an die rundlichen Vorgänger und baute sie praktisch unverändert nach ©Archiv Automobil Revue

Handzahm und genĂĽgsam
Es gehören schon ein wenig Nehmerqualitäten dazu, den 3000S zu lieben. Nur wenn das Dach vollständig entfernt wird, stört nichts die herrliche Roadster-Linie. Dies bedeutet dann aber, dass der Wetterschutz zuhause blieben muss.

TVR 3000S (1978) – das Dach bleibt zuhause © Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Man sitzt sehr tief im TVR, die Beine verschwinden in einem langen Tunnel. Zwischen Beifahrer und Fahrer nimmt das Getriebe, respektive dessen Rohrahmenummantelung und Verschalung fast den halben Innenraum ein. Der Schalthebel steht weit hinten und verlangt ĂĽberraschend deutliche Bewegungen des rechten Arms.
Ansonsten aber läuft alles so ab, wie man es sich auch von anderen Fahrzeugen gewohnt ist. Gestartet wird mit dem Zündschüssel (gleich oberhalb des Knies!), das Schaltschema zeigt das übliche “H”, die Rundumsicht ist beim offenen Fahrzeug hervorragend.

TVR 3000S (1978) – alles schwarz, Hauptinstrumente in der Mitte ©Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Der V6-Motor verströmt ein melodiöses Konzert und ist keineswegs laut, zumindest nicht bei tieferen Drehzahlen. Ein Drehwurm ist er sowieso nicht, am liebsten tourt man im Bereich von 2’500 und 4’000 Umdrehungen. Selbst der Komfort kommt nicht zu kurz, aber natürlich wird man über den Straßenzustand zu keiner Zeit in Unkenntnis gehalten.
Sollte es einmal regnen, so empfiehlt es sich selbst bei geschlossenem Dach, wasserfeste Kleidung zu tragen, denn das Wasser dringt durch manche Ritze in den Innenraum. Aber dies sind sich die Fans englischer Roadster natürlich gewöhnt.

Heute ein Klassiker
Eine grosse Zahl der TVR Roadsters, die zwischen 1978 und 1979 gebaut wurden, hat überlebt, nicht zuletzt wegen seiner robusten Natur und dem Liebhaberwert, den er bereits zur Bauzeit hatte. Rund 30’000 Franken kostete der Roadster in der Schweiz, 34’000 Mark waren es in Deutschland. Dies war zwar nicht billig, aber ein Porsche 924 war nicht wesentlich günstiger und um einiges weniger exklusiv.
Den TVR erkannten Passanten selbst nach dem Lesen des blauen Markenemblems auf der Front nicht und für einen Neuwagen hätten sie ihn Ende der Siebzigerjahre auch nicht gehalten.
So wechselten die Fahrzeuge von Liebhaber zu Liebhaber und wurden zumeist gut unterhalten und bis heute vielleicht auch einmal teil- oder vollrestauriert.

Überlebensfähig
Der fĂĽr diesen Bericht portraitierte 3000 S stammt aus dem Jahr 1978, es dĂĽrfte sich dabei um eines der ersten linksgelenkten Fahrzeuge und etwa das vierzigste produzierte Exemplar ĂĽberhaupt handeln. Der Wagen gelangte direkt in die Schweiz, wo er dem damaligen Importeur Heinz Kobel als Basis fĂĽr die TypenprĂĽfung diente, welche am 6. September 1978 erfolgte.
Auch die lokal gedruckte Verkaufsliteratur zeigt den silbernen Wagen mit der Chassisnummer 4374FM. Erst rund ein Jahr später erhielt der Wagen sein erstes Nummernschild mit den Buchstaben “BS” vorne. 1981 gelangte der Wagen in den Kanton Schwyz, wo er zwei Besitzern Freude machte, bis er im Jahr 1998 zum heutigen Eigner wechselte.

TVR 3000 S (1978) – aufgenommen im Jahr 2000, als der Wagen noch „subaru-rot“ war ©Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Im Jahr 2000 wurde der Wagen durch die Firma ClassicCarConnection sanft renoviert und die Farbe, die bereits 1981 von Silber auf Rot gewechselt hatte, wurde wieder in den Auslieferungszustand zurĂĽckversetzt. Seither wird er gehegt und gepflegt und ab und zu bei Oldtimer-Veranstaltungen, z.B. dem British Car Meeting in Mollis, gezeigt.
Über die Jahre hat sich der Sportwagen als sehr zuverlässiger Geselle und angenehmer Reisebegleiter erwiesen, Tugenden, die man von einem harten englischen Roadster so gar nicht erwartet hätte.

Die TVR-Modelle der M-Serie von 1972-1979

Modelle

Jahr

Motor

Karosserie

Produktion

Kommentar

TVR 2500 M 1972-1977 Triumph TR6 2,5 Coupé 947 der Start der erfolgreichen M-Serie, mit verbessertem Chassis
TVR 1600 M 1972-1973 Ford Capri GT 1600 (Kent) Coupé 148 stand im Schatten des 3000 M
TVR 3000 M 1972-1979 Ford Essex V6 Coupé 654 der klassische Engländer der Siebzigerjahre
TVR 3000 M Turbo 1976-1979 Ford Essex V6 Coupé 20 Turbo von Broadspeed Engineering
TVR Martin (3000 M) 1976 Ford Essex V6 Coupé 12 Sondermodell in Braun
TVR Taimar 1976-1979 Ford Essex V6 Coupé/Heckklappe 395 technisch identisch mit 3000 M, 30 Modelle mit Turbo
TVR 3000 S 1978-1979 Ford Essex V6 Roadster 258 technisch identisch mit 3000 M, 13 Turbo-Modelle

erschienen am 23. März 2013 auf zwischengas.com
Text: Bruno von Rotz / Fotos: Daniel Reinhard, Bruno von Rotz, Archiv